rumleben

Bin mit C. beim Asia Mekong am Hakeschen Markt einkaufen. Die kleine alte Verkäuferin berät mich und endet mit den Worten:
„Und dann bedecken sie die, bis die Nudel weich ist.“

Ich gucke C. an und grinsend beide Augenbrauen hoch. Ihre Stirn schiebt sich in Falten, sie formt mit dem Mund das Wort NEIN.
Wende mich zur Verkäuferin und sage: „Normalerweise werden Nudeln eben nicht weich, wenn ich sie bedecke.“

Drehe mich zufrieden mit erhobener High Five Hand zurück.
C. versteckt ihr Gesicht im Schal. Die Verkäuferin guckt verwirrt. Ich klatsche mit mir selbst ab. Im Hintergrund explodiert Feuerwerk, ein Baby gluckst zufrieden.
Mein Job hier ist getan.

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rumleben

Wieder bei Edeka. Diesmal ausgerüstet mit zwei Giro- und einer Visakarte, nix kann mich aufhalten.
Bezahle meinen Einkauf, dann fällt mir in letzter Sekunde der noch nicht eingelöste Pfandbon ein. Sage: „Halt, ich hab noch nen Pfandbon, geht das noch, obwohl ich schon gezahlt hab?“
Mitarbeiter: „Jor. Kriegste dann aber in bar.“
Ich: „Bar ist geil.“
Mitarbeiter: „Pfandtastisch meinste wohl.“

rumleben

Es ist beschlossen: Ich lege ein Fotoalbum mit Tinder-Screenshots an, mit diesem werde ich später meine Enkel gruseln: „Ha!“, werde ich sagen, „ihr glaubt ihr habt ein schweres Dating-Life? Gebt euch mal, wo eure Omma so durch musste!“ Sie werden die Augen aufreissen und mitleidig den Kopf schütteln, während ich mich in meinem Carbon- Schaukelstuhl zurücklehne.21751939_10214177819660015_7896034420707437764_n

rumleben

20.45 Uhr, Kreuzberg.
Habe irgendwann letzte Woche meine EC-Karte verloren, weshalb ich derzeit nur Bargeld an der Internen Bank-Kasse holen kann. Die hat aber schon zu. Da ich gerade viel arbeite, hab ich nie was zu Essen zu haus, jetzt aber Hunger und nix mehr Cash in der Täsch. Beschließe meinen Pfand wegzubringen und noch schnell zum Supermarkt zu huschen, bevor der zu macht.
Laufe mit zwei Ikeabeuteln voller Glasflaschen
(Heilwasserkur gegen Migräne. Und ja, es funktioniert.) zum Edeka. Ecke Hasenheide warte ich auf Grün und sehe auf dem Boden ne leere Club Mate Flasche. Mehr aus Reflex als aus einem Gedanken heraus hebe ich die auch noch auf und steck sie zu den anderen im Beutel, der über meine Schulter hängt. Der Inhalt klirrt träge, ich ächze vor interner Anerkennung, wie viel ich auf einmal trage.
Zwei Teenager halten neben mir an der Ampel und sehen zu, wie ich die Flasche verstaue. Der eine ext sein Bier in schweren Schlucken, hält mir die nun leere Flasche hin.
„Ey Madame. Du arbeitest voll hart.“
Ich sag: „Oh, Dankeschön!“ und denke: „Woher weiß der, dass mein Job grad krass ist?“ Dann dämmert es mir.
Ich bin Pfandpiratin.

Speed suits by Skatehouse Media

aus inhaltlicher und humoristischer sicht: wie gut war das denn?
zweite frage: ich krieg ja nix mehr mit, aber latex ist jetzt ein ding?

„As for the “they look dumb” argument, which is sometimes dressed up in the language of “marketability of the sport” and its appeal to beginners, it really comes down to “speed suits resemble gay fetish gear and I don’t want to have to look like a faggot to be competitive.”

One pithy definition of homophobia is “the fear that other men will treat you the way you treat women.” I find it hilarious that the leaders of a subculture that ceaselessly caters to straight male sexuality and requires women to objectify themselves to secure sponsorship is thrown into such a panic by the prospect of possibly having to wear something that will cause them to be sexually objectified by gay men.

Guys, I have some news for you: gay men already objectify you. “Skater” is a masculine archetype that shows up in gay porn. With regard to downhill racing specifically, dozens of gay leather fetishists follow my Flickr account to see photos of fit young guys in their custom made skintight leather jumpsuits*. Racing shots and have been added to groups like “PERV IN PUBLIC,” “GAY LEATHER PORN,” “BOOTS AND UNIFORMS,” and “hot hunks lederexpo.” You’re hot. Gay men are looking at you. Get over it.“

 

http://skatehousemedia.com/09/11/2017/comment-section-speed-suits

rumleben

Besuche Schwesti. Kurz bevor ich gehe, gibt sie mir ein Päckchen. „Hier guckma, das isn Geschenk von Muttsch für dich.“
Ich packs aus. Ein graues Tshirt mit abgeschnittenen Ärmeln, auf dem zwei Trucks wie bumsende Hunde aufeinander steigen. Der hintere Truck hat auf seiner Plane PUMP stehen. Dann erkenne ich ein lilanes Aerosmith Logo darüber.
Gucke zu meiner Schwester, die grinst.
Ich: „Äh. Waaas bitte?“
Schwesti: „Laut Muttsch stehst du auf sowas!“

rumleben

Fahre mit einem Bahnrad im Wert von 1.500 Euro von unserem Velokollektiv in Tempelhof nach Kreuzberg, wo es in einem Laden ausgestellt wird. Stehe mit Regenmantel und meinem billo H&M Filzhut (den hat mir mal ein besoffener Nazi nachts aufgesetzt, ich verwende ihn gern als Regenhut) in der Ubahn. Der gesamte Wagoninhalt mustert erst das Rad mit dem Bulllenker, ohne Bremsen, den fancy Rahmen aus dem Jahr 74, dann mich. Ich schwitze. Unter meinem Regenmantel, um das Fahrrad. Hatte noch nie Angst abgezogen zu werden, jetzt bin ich paranoid. Stelle meinen Laptop, den ich professionell in zwei Tüten gewickelt hab auf dem Boden ab, um das Rad mit zwei Händen festzuhalten. Zwei Männer mit Tourenrädern betreten den Wagon und sehen das Rad, dann mir ins Gesicht. Der eine flüstert dem anderen zu:
„Bestimmt auch son süddeutsches Bonzenkind.“
Endlich! Endlich denkt das mal wer über mich.

nah genug dran, weit genug weg. / Logbuch Sommer 2016 / V

Was mir aufgefallen ist: Komme ich an einer Tankstelle an, dann passiert oft das Gleiche, sehr Auffällige, wofür ich noch keine direkte Erklärung gefunden habe. Ich werde hyper-unsichtbar. Ich weiß nicht ob das nachvollziehbar ist, aber ich kenne verschiedene Formen der Hypersichtbarkeit. Ich habe in der Vergangenheit als Model gearbeitet, habe viele Jahre in einer Gruppe Hip Hop und Street getanzt, inklusive Auftritte auf Bühnen. Ich habe oft als einzige Frau in „Männerwelten“ gearbeitet: Beim Messebau oder in Küchen, in Vertrieben und zuletzt stand ich oft für Yamaha als Beratungspersonal auf Messen. Ich weiß wie es ist angesehen zu werden, auch dann, wenn man nicht will, auch dann, wenn es unhöflich wird.

Aber mit dem Motorrad? Ich fahre langsam in die Tankstelle ein. Ich stelle den Motor ab, steige ab. Alle Augen ruhen auf mir, klar, die unübliche Beladung, ich bilde mir wenig drauf ein, Heinz ist gelb. Ich nehme den Helm ab – alles guckt weg. Sehe in die Runde. Niemand sieht zurück.
Was ist hier los? Ein derartiges Nicht-angesehen werden ist genau das Gegenteil von dem, was mir männliche Motorradfreunde berichten und lässt mich interessiert in den Theorisiermodus verfallen.

Generell die Reaktionen: Ich werde wahrgenommen aber nicht direkt angesehen. Männergruppen pausieren ihre Gespräche, wenn ich in meinen schweren Schuhen vorbeilaufe.Wenn ichs verallgemeinern müsste (und tun wir das ruhig, beim Malen nimmt man auch ordentlich Farbe aufn Pinsel) würde ich sagen, dass Familienväter und etwas ältere Frauen wahnsinnig positiv auf mich reagieren. Der Rest: Keine Reaktion. Oft sprechen mich jene Damen an und sagen Sachen wie: Früher bin ich auch selbst gefahren, jetzt nur hinten drauf als Sozius, bei meinem Mann. Oder: Ich würd auch gern den Führerschein machen, trau mich aber nicht.
Klar, Heinz und ich lösen Assoziationen aus, vllt eben wegen der Unüblichkeit. Viele Menschen erzählen mir ihre Geschichten zu Motorrädern, weil ich nahbar bin, weil ich keine Gruppe bin, nicht in eine aggressiv aussehende Lederkombi gekleidet und vielleicht auch, weil ich als Frau einen anderen Näherungswert habe. Ich benutze vielleichts hier, wissen kann ich es nicht, habe nur die eigene Perspektive. Mir werden die Geschichten gern berichtet, ich merke, dass es lange her ist, die Gesichter werden mild dabei, die Erzählenden lächeln und blicken nicht mich an, sondern die Vergangenheit. Von Familienausflügen, vom Papa, der irgendwann aufhören musste als die Kinder kamen, es wurde zu gefährlich. Von dem Jugendkumpel, der bei einem Unfall gestorben ist, von eigenen Unfällen oder dem Urlaub, den man auf einem Roller in Italien verbracht hat und dass man das bestimmt nicht vergleichen könne, aber das Gefühl war auch schon schön und ob mir das auch noch so gehe? Sage: Ich bin vor jeder Fahrt aufgeregt. So mit Herzklopfen und allem.

       Innsbruck in momentanen Häppchen – danke, alte Minolta.

Innsbruck. August 2016

„Wir wollen heut nacht um 3 aufstehen und auf den Berg gehen, sodass wir bei Sonnenaufgang schon dort sind – kommst du mit?“

Ich will mit. Weiß, dass es Zeit für mich wird, zum Berg zu kommen. Habe ihn lange genug durchs Fenster angestarrt. Aber nach den letzten Tagen und dem Wissen, dass meine Stadtkindherkunft irgendwann doch an ihre Grenzen stößt, sage ich ein gedehntes.. vielleicht.
Kann diese Nacht nicht schlafen, gebe die Idee auf. Stolpere gegen 9 aus dem Zimmer und finde sämtliche Mädels in der Küche. Nach kurzer Lagebesprechung ist klar, dass es nachts regnete und es jetzt los geht. Ich bin dabei, bin auf Basis von zwei Kaffee für viel zu haben.

Wir fahren in Annas VW Polo in die Berge. Der Himmel blau und wir sitzen in bunten Fleeceschichten gut gestapelt im kleinen Metallviereck, hören das Beste aus den 70ern im Radio.

Die Umgebung Innsbrucks ist das Äquivalent zu Menschen, die so schön sind, dass man jedes weitere Talent für unfair befindet. Egal wohin ich hier fahre, beim Ausstieg aus einem Auto oder Abstieg vom Sitz hab ich den Impuls zu rufen „Wirklich? Oh kommt schon! Das ist schon wieder der schönste Fleck!“ Die Innsbrucker tun so, als wäre das normal, ich mache es ihnen irgendwann nach.

Da ist er, der Berg. Wolken ziehen zu, pünktlich beim Verlassen des Parkplatzes. Wir laufen in Richtung dunkler Himmel und ziehen bereits jetzt die Ersatzpullover an.

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Ich hab mit meinem Kreislauf zu kämpfen, Kardio ist nicht mein Ding. Murmele den letzten Satz als dysfunktionales Mantra vor mich hin, da der erste Abschnitt zugleich der härteste ist. Wir bewegen uns bei starker Steigung auf  aufgeweichtem Wiesenabhang in die Höhe. Überall steht das Wasser in kleinen Lachen, ich trage meine Barfuss-Fitnessschuhe, die ich sonst zum Langhantelheben anhabe. Grip? Nö. Sehe nach rechts und  auch Annas Freundin Jana hat mit so einem Hang nicht gerechnet.  Ich könnt jetzt meine schiefe Nasenscheidewand erwähnen oder das ich zuletzt mit 12 wandern war oder dass ich sonst nie irgendwo hochlaufe, weil ich eher schwere Dinge aufhebe und Adrenalinsport favorisiere, aber hilft ja nüscht. Jana und ich keuchen viel, reden wenig. Anna läuft voraus und braucht  keine Pausen, ich weiß nicht wie oder wann sie zwischen ihren Erzählungen atmet, aber ihr Kopf ist nicht rot. Wie abgesprochen halten Jana und ich abwechselnd an, um die Aussicht zu genießen oder etwas zu trinken oder Kleidung abzulegen… auch analoge Kameras sind hervorragender Vorwand um stehen zu bleiben und vermeintlich konzentriert zu knipsen, während man hinter dem erhobenen Arm versucht, Luft in das heiße Gesicht zu atmen.

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Zierliche Frauen zu unterschätzen, zahlt sich nie aus. Die topfitte Anna und ja..ich.

Gelangen an der Alm an und essen wie sechs Handwerker: Gröstl mit Spiegelei. Und viel Limonade.

Weiter gehts Richtung Gipfelkreuz, aber vorher will ich zu den Pferden, die ich von der Almterasse aus sah.

Nennt es Sehnsucht, aber bitte, wie nur kann man an solchen Tieren vorbei, ohne die antatschen zu wollen?

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Habe einen Apfel dabei, bin der Hit unter den dicken Ponys. Das Pferd hingegen ist bissig, ich weiche beim Bemerken nach hinten und fall beinahe in den Schlamm. Klar lachen die beiden anderen hämisch und bestehen darauf, genau das geahnt zu haben.

Weiter Richtung Gipfel, die Steigung ist jetzt wesentlich milder.

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ParKUHr! (Keine Schonung für solche, die Kalauer nicht zu schätzen wissen.)

Endlich eine Kuh die so passioniert über mich ist, wie ich über sie. Ich lache viel, ich verschlucke mich beim Kichern, der schwere Klumpen, der mich all die Wochen einnahm scheint … weg zu sein. Berge und Mittelscheitelbabykühe können das, die Leichtigkeit zurückbringen, wenn man dachte, gerade stehen wird länger nicht mehr drin sein. Den Mädels geht es ähnlich. Serotonin fährt ein, der Berg macht Freunde aus uns.

Bin kurz davor hier ein Edelweiss-Haiku einzubringen, muss jetzt aber Auflauf kochen, mit geklauten Frühlingszwiebeln vom Feld auf dem Nachhauseweg und Rotwein vom Laden um die Ecke. Das Leben ist gut. Ist wieder gut geworden. Glück fühlt sich so an.

Hammertime. / Logbuch Sommer 2016/ IV

zwischen Salzburg und Innsbruck. 18.08.2016

Fahre mit Migräne auf der Autobahn. Könnte mir bessere Umstände für diesen Zustand vorstellen, aber Heinz stand noch in Salzburg, musste abgeholt werden, fühlte mich komisch ohne ihn in Innsbruck, als wäre mein dritter Arm weg und der war doch praktisch. Bemerkte schon in der Mitfahrgelegenheit nach Salzburg, dass ich noch off bin, aber naja.

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Kitschig wirds schnell mal, weil Sonnenuntergang: Schön. Motorrad: Auch Schön. Foto: Valentin Kouba

Später. Die Migräne hämmert von innen ein Relief in meine Schädeldecke, ich sehe Pausenbedarf ein und versuche eine Rastmöglichkeit auszumachen. Hoffe auf urige Hütten nahe der Strecke, die Grammerlknödel anbieten, in Österreich eigentlich nie weiter als einen Katzenwurf entfernt. Entdecke wenige Kilometer später ein enormes Schild mit Abzweigung zum Lerchenhof und folge.

Wär dies musikalisch untermalt, hier würde jetzt eine Plattennadel unsanft von der Platte abrutschen. Die ersten Häuser am Hügel sind beschriftet mit Bedienstetenhaus, bitte fahren sie weiter. Stelle Heinz im Schatten ab. Glücklicherweise klaut in Österreich quasi niemand. Lasse grundsätzlich meine Beladung auf dem Motorrad, in 3 Monaten ist nie etwas passiert, oder vllt impliziert meine improvisierte Verschnürung auch einfach, dass ich so viel Kohle wohl kaum mit mir herumschleppen werde. 

Irre durch Disneylandähnlichen Komplex mit Teletubby-Hügeln. Eigene Skischule, Liftstation, Friseursalon, Schönheitsareal und, fast seufze ich vor selbstmitleidiger Anstrengung in der Hitze den Berg hinauf, Restaurant mit Terrasse. Betrete die Hotel-Lobby. Frauen in Dirndln, Männer in samtigen Westchen. Alles blickt auf und mich an. Also nicht so oft Motorradvolk hier. Frage nach Terrasse, stumme Finger weisen mir den Weg. Ok, denke ich. Die werden wohl was zu essen haben, auch wenn das anscheinend keine übliche Raststation ist..

Betrete den Garten mit Pool und Golfwiese, am Eingang spielt ein Mann in Tracht
„The winner takes it all“ von Abba auf der HARFE. Frage mich nicht nur, ob das jemand glauben wird, sondern auch, warum mein Gehirn den Song zuordnen kann, nur weil ich vor Jahren bei einem Konzert der weltweit einzig offiziellen Abba-Doubles war. Warum, andere Geschichte. War es gut: Nein.

Es ist grad Jause. Buffet, 29€ pro Hotelgast. Das Publikum besteht aus flauschigen Bademänteln, ich bin die einzige Person unter 40, sowohl Alters- als auch BMI gemäß. Bin die einzige Person mit hochrotem Kopf, speckigem Unterhemd und Helm in der Hand. Ich passe nicht ins Bild, bin ein Klumpen in der Homogenität. Bin mein eigener Johnny im Komplex der Kellerman’s, oder aber ich habe kürzlich zu viele Kitschfilme konsumiert.
Senke den Blick, der pulsierende Schmerz kurz nach Hirnrinde findet Helligkeit semigut. Bin versucht meine Crossbrille wieder aufzusetzen, starren eh schon alle, aber belasse es bei einem Schattenplatz am Plastiktisch, unter weiß-gelbem Sonnenschirm, direkt am Pool. Hänge die schwere Protektionsjacke auf , hoffend, dass ein wenig Schweiß davon verdunstet, die Plastiklehne biegt unter dem Gewicht gen Boden, der Stuhl fällt.
Die mir nahe sitzenden Gäste verbergen ihr Starren nicht mehr.
Versuche in meinem feinsten, angepassten, langsamen NichtHochdeutsch ein Hollersoda zu bestellen. Die Kellnerin in steifem Dirndlstoff erklärt mir den Tagesteller, auf ihre Schürze sind kleine Vögel gestickt.  Kehre mit meiner Konzentration zu ihrem Vortrag zurück, nicke bei Leberknödelsuppe, die gehört zu meinen Lieblingen. Laut Karte ist die auch das Einzige in meinem Budget,sie wird wenig später gebracht, in Riesenschüssel, aber der Suppensee ist in Puppenhausgröße, immerhin: Flüssigkeit.

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Representation der persönlichen Fertigkeit. Foto: Valentin Kouba

Fahre weiter. Es geht ein bisschen besser, bin dennoch unfit. Denke: Mach ruhig. Fahr so weit du kannst, notfalls machste mehr Pausen oder nickerst irgendwo im Schatten. Fahre weiter.

Wie so oft benörgle ich meinen eigenen Charakter, den ein Freund beschreibt mit „Ganz oder Garnicht-Glori“ –

hab mich verfahren und bin auf der Autobahn gelandet, das geht hier schnell mal, um eine Felswand gekurvt und zack, am blauen dicken Schild vorbei. Hätte auf den ersten 100m noch umdrehen können, aber sowas seh ich nicht ein. Leider, denke ich nach 30km. Es ist nicht mehr ganz so viel ungewohnter Presslufthammer im Gesicht, wie das erste Mal auf der Autobahn, aber oh boy, Heinz und ich und die Zuladung und mein Helm ohne Visier, wir alle sind nicht gemacht für die Autobahn. Sind grad ein verlorenes Team, die Autos zischen links und rechts vorbei, ich denke an den Postkartenkitsch wenige Minuten zuvor, höre mein Navi im Ohrstöpsel nicht mehr. Wer nicht versteht: Der Unterschied von Landstraßen zu Autobahn mit Motorrad steht ungefähr in der gleichen Ratio an Genuss zu Heftigkeit wie guter Whiskey -> Stecknadeln essen. Beides kann man machen, beides macht was im Bauch, aber nur eins prickelt wohlig.

Lang genug schnell ohne Dach unterwegs, nimmt man Autos nicht mehr als Menschentransportschachteln wahr – sie werden zu fiesträgen Käfern, deren Vorhaben man nicht sehen kann. (Liebe Autofahrer: Blinken vor einem Spurwechsel ist in der Tat hilfreich, will man als Motorradfahrer nicht krepieren. Danke, ihr stumpfen Ficker.)
Die Sonne scheint, es regnet. Das grelle Licht bricht sich an meiner vollgespritzten Brille, langsam beschlägt sie auch von innen, ich sehe schlecht. Fahre auch nur noch auf Tankreserve, natürlich. Halte mich auf der rechten Spur und warte auf eine Tankstellenanzeige.

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Genervt und grad nicht sehr am Grinsen: Auch das ist Reisen. Charmant, wenn man auch dann stetig fotografiert wird. Foto: Valentin Kouba

Stau. Was als nächstes? Zische ich genervt vor mich hin. Es reicht doch allmählich mit den schwierigen Hürden!

Verbringe nach dem Tanken die restliche Fahrt mit Stop and Go-Verkehr. Darf auf dem Motorrad bei Stau nach vorn schlängeln. Bin nun mein eigenes Symbol der Genugtuung: Ich, gelb und schnittig, fahre grinsend. Autos: stehen. So macht das wieder Laune, so kanns weiter gehen. Amüsiere mich schadenfreudig vor mich hin, vergesse für eine Weile den Hirnschmerz.

Erreiche Innsbruck und falle der Länge nach ins Bett. Morgen gilt es, Berge zu bewandern, eine Tätigkeit, die ich zuletzt mit 12 unternahm. In Berlin, um den Müggelsee herum. Keinerlei Höhenunterschied. Ahne jetzt schon, dass mir meine Kraftsporterfahrungen da nicht soo sehr helfen werden.

nicht nichts. / Logbuch Sommer 2016 / III

Komme zurück vom Rennen in Insul und bin wie üblich nach solchen Events völlig erledigt. Doch diesmal ist mehr. Die letzten Monate schlagen über mir zusammen. Der Umzug nach Berlin, das Weggehen aus einer Stadt, auf die ich nicht klar kam, die auf mich nicht klar kam. Der Mann für den ich geblieben wäre. Alles kehrt auf einmal zurück und tritt mir einen Abdruck in den Brustkorb. Pause.

Innsbruck. 15.08. –

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liege im bett. draußen der berg, hinter dem fenster, wartet. er: draußen, wartet. ich: drinnen, versuch der nullexistenz. schlafe. immer wieder, ewig. schlafe zwei einhalb tage lang. dazwischen gucke ich filme, während wasser mein kinn verlässt. denke es ist soweit. entweder ist das hier mein kaputt gehen oder ich heile. was weiß ich.

dein name kriecht durch meine eingeweide, ich spüre die winkel und windungen, durch die du mich durchwanderst.

du dort, in deinem zuhause, unbeschwert. ich hier, zerfasernd. fair ist das nicht, aber das wir war auch nicht fair.

meine freundin anna, in deren WG ich rumliege, klopft ab und zu, schreibt mir nachrichten.

bist du wach?

schläfst du noch?

ruh dich aus.

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sobald ich abends schweren alkohol mit schweren joints kombiniere, kann ich lachen. ich erzähle, werde hörbar, schau in menschengesichter ohne meine ellenbogen vors gesicht halten zu wollen. so viel herzlichkeit wie hier in dieser kleinen stadt bin ich nicht mehr gewohnt. niemand hier dreht sich nach mir auf der straße um, wenn mein springender berliner satzklang hörbar wird. noch keiner hat mir piefke ins gesicht gezischt.

es wird von tag zu tag besser. dein geruch verflüchtigt sich, dein umriss bleibt länger, aber auch er geht. ich schüttle wien; um dich; in mir ab, vergesse, dass ich teil von euch war, will nichts mehr hören. das war eine andere zeit, ich habe dort nicht gelebt. 

denke an ein zuhause wie ans erwachen aus einem schiefen traum.