Ey, rinjehaun.

Erik, ein Freund von mir, hat mal gesagt, dass der Segen dieser Stadt sie gleichzeitig auch kaputt macht. Dass in Berlin jeder leben kann wie ein König. Und dass genau DAS die Köpfe der Leute fickt. „Guck dich um. Du kannst hier so geil und so billig essen, wie nirgendswo, alle hier sehen gut aus und sind Single. Wieso sollte man irgendwem hinterherheulen, wenn es von allem so viel gibt?“ 

Er hat recht. Nirgends sonst kann man so viel eskalieren, obwohl man keine Kohle mehr hat. Erst gestern kauften Steffgen und ich im Türkenmarkt ein. Wir schleppten riesige Tüten mit frischem, sehr guten Gemüse aus der Tür, wir kauften Antipasti, frischen Feta und eingelegte Vorspeisen aus drei verschiedenen Kulturkreisen. Gefrorene Köfte und noch warmes Fladenbrot. Danach machten wir drei Kilo Ayvar selbst und aßen von 23 Euro ungefähr drei Tage lang.  

Der Späti in der Straße, in der ich drei Jahre lang im Erdgeschoß wohnte… ich werde ihn vermissen. Ewald steht immer in diesem Laden, scheinbar schläft dieser Mann nicht. Ewald erzählt gern Geschichten aus dem damaligen Osten, nennt mich immer „meine Gutste“ oder „meine Schönste“ und wenn ich mal kein Bier kaufe, sondern alkoholfreies Hefe, dann fragt er mich inzwischen, ob ich wieder auf Detox sei. Er stand schon mal auf meinem Downhillbrett und hat des öfteren meine Schlüssel für Freunde bereitgehalten, die in meine Wohnung mussten, wenn keiner da war. Vom Fensterbrett meines Erdgeschossfensters aus konnte ich ihm zuwinken, manchmal las ich dort. Irgendwann mal, bin ich zusammen mit Fabsi bei unserem Sektabend sternhagelvoll in Verkleidung rein und hab noch mehr Sekt gekauft. Den billigsten, versteht sich. Da lachter er nur, schüttelte den Kopf und murmelte: „Ihr Mädels von heute macht mich fertig.“

Im Asiatische Shop gleich daneben, der IMMER auf hat, kaufte ich Massen an frischem Ingwer, für meine kaputten Stimmbänder. Er hatte auch eine beeindruckende Auswahl an Tiefkühlpizzen und Eis, was  nicht zuletzt an sehr faulen Sonntagen oft half. Ich weiß noch, wie wir kurz nach Einzug in diese Wohnung immer das W-Lan des Waschsalons gegenüber schnorrten. Einer von uns dreien musste einmal am Tag einen Cafe drüben trinken gehen, damit wir für den Rest des Tages das Passwort hatten.  

Unser Schlechtwetterskatespot ist direkt um die Ecke.  Wie viele Nächte verbrachte ich hier auf den Betonstufen und skatend davor? Hier hab ich angefangen, Toesides zu lernen, hab hier meine Slalomtechnik verbessert und die Basis meines Freundeskreises kennengelernt. Meine großartigen Freunde.

 

Es gibt Nächte, die erlebt man nur hier. Nächte, von denen man noch Wochen später beiläufig erzählen kann, weil die Geschichten inzwischen legendär geworden sind. Weil man diese bizarre Narbe am Bein erklären muss oder warum man Rum nicht mehr runter bekommt. Wie wir zum Bespiel aus unserer Lieblingskneipe torkelten und uns auf diese fancy Loft-WG-Party mit DJ schlichen. Der gesamte Boden war ausgelegt mit Perserteppichen und drauf standen Trampoline. Das Klo war nur abgetrennt von der feiernden Menge durch einen Duschvorhang und das Pissoir war eine Eimerkette vom Bau, die direkt aus dem Fenster führte. In der Nacht verstauchte ich mir den Knöchel beim Trampolinspringen. Danach erzählte mir der sobgenannte Porno, dass sein Name eigentlich Lars sei und er ansonsten viel mit Farben mache. Wie Tim, Steffgen und ich in der altdeutschen Kneipe ganz allein zu „99 Luftballons“ aus der Jukebox tanzten, während die Alkis an der Theke uns auslachten. Auf Team Eskalation war immer Verlass. Es begründete Spitznamen wie „Der Blitz“ oder „Kotzi“ und hatte immer wieder würdige Praktikanten wie „Karton“ (Ju’s Bruder aus Frankreich) der herrlich in den pöbelnden Trupp passte.

 

Oder Halloween. Mein 23. Geburtstag. Die traditionellen Montagsbesäufnisse. Der Karneval der Kulturen. Christopher Street Day, erster Mai und der Geburtstag vom Longboardz-Forum, der Rekord bei 20 Skatern, die auf dem Boden verteilt in der Wohnung pennten.


 

Am Teufelsberg hab ich meine ersten Meter Donwhill zurückgelegt. Flankiert von Tobi und Luki, die mich ausbuhten, wenn ich fußbremsen wollte. Wie oft hab ich diese Linkskurve geübt, immer und immer wieder. Und immer wieder gut gemeinte Ratschläge von den Kerls, welche zähnekirschend versucht wurden, umzusetzen. Wie viele Tage wir in diesem grünen Stück Berlin verbracht haben… da und beim asiatischen Bäcker davor, der den besten selbstgemachten Pflaumenkuchen der Stadt verkauft. Wie oft stand ich an dieser Theke und bestellte augenberingt einen großen Kaffee zum mitnehmen, um mir danach am Berg mittel Adrenalin den Kater aus dem Fleisch zu skaten.
Der Schwanenteich im Friedrichshainer Volkspark, an dem mir mal mein Herz gebrochen wurde und um den ich so oft mit Sophia spaziert war, während wie die Absurdität von zwischenmenschlicher Herzscheiße diskutierten. Oder der Märchenbrunnen, in den wir unsere Füße hielten, während wir Bulgur mit Plastikgabeln aßen. Die Fotoautomaten, verteilt in der ganzen Stadt. Aus 23 Jahren hier ist eine beeindruckende Kollektion zusammengekommen.  


 

Mittwochs Rollrunde beim Lassrollen in der Grünberger Straße, Dienstags E18- Treffen, die RSG-Radtruppe mit ihren jährlichen Citycruises. Mit meinen Eltern beim Stammvietnamesen essen. Martin immer zufällig aufm Winterfeldtplatz treffen. Der besoffene Poet in der U8 und der BWL-Rapper in der U1. Unser Rollnest, dessen neue Minirampe ich nicht mehr schaffe, zu testen.  Ich werde euch alle wahnsinnig vermissen, ihr macht mein Zuhause aus.

tl; dr? Berlin, du bist so wunderbar.

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