Noob trifft Vintage.

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Vorläufiger Führerschein – der rosane kommt noch. YASS.

Hast du den Disclaimer gelesen? Du darfst mit dieser Maschine nicht auf die Autobahn, das ist ein Pressemodell und hat keine Vignette.

Während die Fistelstimme in meinem Kopf zur Tetrismelodie wiederholt: Motorrad, Motooorrad, ich krieg ein Motooorrad.  Nicke ich nach außen hin, mache mit ernstem Blick mmmhm, und ja klar-Geräusche. IMG_9901

Yamaha Österreich, Standort Biedermannsdorf nahe Wien. Folge Richard in die Werkshalle voller Yamaha-Gefährte. Er schiebt die dunkle SR 400 raus, Baujahr ca. 1994. Die hier hat nen Kickstarter, der kann schon mal tückisch sein. Bist du sowas schon gefahren? fragt er. Nein, sage ich.

Weiß der eigentlich, dass ich noch nie allein gefahren bin? Wissen die, dass ich kein echter Erwachsener bin? Frage mich, wann meine Tarnung auffliegt. Nach 27 Jahren Beifahrerdasein, gelingt es mir nicht, die surreale Blase abzuschütteln, die dieser Führerschein aufzieht.  Richie demonstriert mir das Antreten des Kickstarters.

 

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Rechter Fuß. Das ist die Seite, wo mein Knöchel seit einem beidseitigen Bänderrriss nicht mehr so schön tut.  Brauche 15 min bis die Maschine anfängt zu blubbern. Verstehe jetzt warum Motorradstiefel feste Sohlen haben. Sobald der Kickstarter sich verhakt und mein Fuß in Sneakersohle den Schwung des Tretens fressen muss,  brüllt mein Knöchel. Auch die 180 Kilo am Lenker festzuhalten, auszubalancieren, während das gesamte Gewicht auf dem linken Bein ruht und die Kraft in den rechten Fuß geballert wird.. nicht ohne. Meine Bauchmuskeln sind anschließend deutlich spürbar, ich bin nass geschwitzt. Der richtige Zeitpunkt, um meine wetterfeste Jacke mit den schönen vielen Protektoren anzuziehen.

Du hast nur die Reserve drin, ruft Richie mir nach, tank sobald wie möglich! Ich nicke und fahre davon. Ich. Fahre. Motorrad.

Ob man mir ansieht, dass ich keinen Plan hab? Eiere durch Biedermannsdorf und wiederhole in meinem Helm die Worte.  Keiner weiß, dass du ein Anfänger bist. Fahr einfach hier schön lange hin und her, zum an die Maschine gewöhnen. Oh. Stau im Dorf. Bleibe in meiner Spur hinter den Autos und schlängle mich nicht vorbei. Ok, jetzt weiß wahrscheinlich schon jeder, dass ich Noob bin. Wo muss ich überhaupt lang? Drehe mich zu den vier Mädels im Auto hinter mir und und rufe durch meinen Helm: Tankstelle? Während ich nach links und recht mit hoffentlich fragendem Zeigefinger deute. Sie zeigen nach rechts. Ich nicke.

Kreisverkehr, biege ab, lande nach 800 Metern auf der Autobahn. Mit einer Maschine, die kaum betankt ist, ohne Plakette. Werde unrund. Soll hier 100 fahren, aber 80 auf der SR fühlen sich an wie 120 auf der MT07, die ich durch die Fahrstunden gewohnt bin. Überall zischen Autos an mir vorbei. Bin winzig und weich, neben all den Metallkisten. Fahre auf der äußersten rechten Spur, notfalls Pannenstreifen, denke ich. Lerne Dinge wie Luftdruck von LKW’s und schnelle Spurwechsel kennen, hatte ich bisher nur in Theorie. Ich schwitze, bin meine eigene Badewanne.  Mein Helm hat noch kein Visier, der Fahrtwind frisst sich in die Augenwinkel, hinter die ungeeignete Sonnenbrille. Schiele permanent auf die Tankanzeige. Die geht noch nicht an. Alles easy, wiederhole es wie ein Mantra. Weiterhin ruhig bleiben.

Fahre verspannt wie ein Schraubstock ab, um durch Wiens Innenstadt zu meiner WG zu gelangen. 200m nach der Autobahn fällt im 1. Gang bergauf die Maschine aus. Shit, was ist? Kupplung nicht lang genug gezogen? Zu schnell ausgelassen?  Bekomme das Motorrad nicht mehr gestartet, schiebe es an den Rand und winke den dreispurigen Feiertagsverkehr der Hauptstraße an mir vorbei.

Notfallstimme: Kick sie wieder an. Bleib ruhig. Das könnte ein technischer Defekt sein. Keiner hält dich für einen Spasten.

Nach vielen anstrengenden Kickstart-versuchen  muss ich es einsehen: Der Tank ist leer. Jetzt leuchtet plötzlich die Tankanzeige. Cleveres Ding. Alte Maschinen und ihre Tücken, realisiere, wie gefährlich meine Fahrt gerade wirklich war. Schiebe 180 Kilo 300 Meter am Straßenrand den Berg hoch, bis ich die SR hinter einer Ampel abstellen kann. Immerhin, auf meiner Höhe hinter der Kreuzung: Eine Tankstelle.

Zerre mir Helm und Jacke runter, finde Person in Signalweste. Sage: Mein Motorrad steht da drüben. Ich brauch dringend einen Kanister und 95er Benzin. Ich hab noch nie getankt. Warum nicht, fragt er.

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Die Männer und Bruce. Mögen sich.

Murmele Dinge wie erste Fahrt, neue Maschine, Noob, Noob, Noob. Er ist nett, zeigt mir das mit Benzin und Kanister. Am Ende verweigert er mein Trinkgeld und drückt mich. Ijla rettet meinen Tag und weiß das.

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Nach einer Verschnaufpause mit Junkfood und Ruhe hats dann noch geklappt. Als ich endlich Peter, einen meiner Chefs ans Telefon bekomme, erzählt er mir auch von dem Trick, die Tageskilometer zurückzudrehen, damit man nach ca. 100-120km wieder zu tanken weiß. Der Rest der Fahrt ist himmlisch. Irre durch Nebenstraßen bis ich völlig zurfrieden Bruce vor meiner Haustür abstelle. Einfach so, ohne Parkticket. Das geht.  Ich habe jetzt ein Motorrad, lasse diese Info sacken. Grinse. Die ganze Zeit.

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Erstmal Kohlenhydrate und Analogkäse, gibt für alles den richtigen Moment.

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