nah genug dran, weit genug weg. / Logbuch Sommer 2016 / V

Was mir aufgefallen ist: Komme ich an einer Tankstelle an, dann passiert oft das Gleiche, sehr Auffällige, wofür ich noch keine direkte Erklärung gefunden habe. Ich werde hyper-unsichtbar. Ich weiß nicht ob das nachvollziehbar ist, aber ich kenne verschiedene Formen der Hypersichtbarkeit. Ich habe in der Vergangenheit als Model gearbeitet, habe viele Jahre in einer Gruppe Hip Hop und Street getanzt, inklusive Auftritte auf Bühnen. Ich habe oft als einzige Frau in „Männerwelten“ gearbeitet: Beim Messebau oder in Küchen, in Vertrieben und zuletzt stand ich oft für Yamaha als Beratungspersonal auf Messen. Ich weiß wie es ist angesehen zu werden, auch dann, wenn man nicht will, auch dann, wenn es unhöflich wird.

Aber mit dem Motorrad? Ich fahre langsam in die Tankstelle ein. Ich stelle den Motor ab, steige ab. Alle Augen ruhen auf mir, klar, die unübliche Beladung, ich bilde mir wenig drauf ein, Heinz ist gelb. Ich nehme den Helm ab – alles guckt weg. Sehe in die Runde. Niemand sieht zurück.
Was ist hier los? Ein derartiges Nicht-angesehen werden ist genau das Gegenteil von dem, was mir männliche Motorradfreunde berichten und lässt mich interessiert in den Theorisiermodus verfallen.

Generell die Reaktionen: Ich werde wahrgenommen aber nicht direkt angesehen. Männergruppen pausieren ihre Gespräche, wenn ich in meinen schweren Schuhen vorbeilaufe.Wenn ichs verallgemeinern müsste (und tun wir das ruhig, beim Malen nimmt man auch ordentlich Farbe aufn Pinsel) würde ich sagen, dass Familienväter und etwas ältere Frauen wahnsinnig positiv auf mich reagieren. Der Rest: Keine Reaktion. Oft sprechen mich jene Damen an und sagen Sachen wie: Früher bin ich auch selbst gefahren, jetzt nur hinten drauf als Sozius, bei meinem Mann. Oder: Ich würd auch gern den Führerschein machen, trau mich aber nicht.
Klar, Heinz und ich lösen Assoziationen aus, vllt eben wegen der Unüblichkeit. Viele Menschen erzählen mir ihre Geschichten zu Motorrädern, weil ich nahbar bin, weil ich keine Gruppe bin, nicht in eine aggressiv aussehende Lederkombi gekleidet und vielleicht auch, weil ich als Frau einen anderen Näherungswert habe. Ich benutze vielleichts hier, wissen kann ich es nicht, habe nur die eigene Perspektive. Mir werden die Geschichten gern berichtet, ich merke, dass es lange her ist, die Gesichter werden mild dabei, die Erzählenden lächeln und blicken nicht mich an, sondern die Vergangenheit. Von Familienausflügen, vom Papa, der irgendwann aufhören musste als die Kinder kamen, es wurde zu gefährlich. Von dem Jugendkumpel, der bei einem Unfall gestorben ist, von eigenen Unfällen oder dem Urlaub, den man auf einem Roller in Italien verbracht hat und dass man das bestimmt nicht vergleichen könne, aber das Gefühl war auch schon schön und ob mir das auch noch so gehe? Sage: Ich bin vor jeder Fahrt aufgeregt. So mit Herzklopfen und allem.

       Innsbruck in momentanen Häppchen – danke, alte Minolta.

Innsbruck. August 2016

„Wir wollen heut nacht um 3 aufstehen und auf den Berg gehen, sodass wir bei Sonnenaufgang schon dort sind – kommst du mit?“

Ich will mit. Weiß, dass es Zeit für mich wird, zum Berg zu kommen. Habe ihn lange genug durchs Fenster angestarrt. Aber nach den letzten Tagen und dem Wissen, dass meine Stadtkindherkunft irgendwann doch an ihre Grenzen stößt, sage ich ein gedehntes.. vielleicht.
Kann diese Nacht nicht schlafen, gebe die Idee auf. Stolpere gegen 9 aus dem Zimmer und finde sämtliche Mädels in der Küche. Nach kurzer Lagebesprechung ist klar, dass es nachts regnete und es jetzt los geht. Ich bin dabei, bin auf Basis von zwei Kaffee für viel zu haben.

Wir fahren in Annas VW Polo in die Berge. Der Himmel blau und wir sitzen in bunten Fleeceschichten gut gestapelt im kleinen Metallviereck, hören das Beste aus den 70ern im Radio.

Die Umgebung Innsbrucks ist das Äquivalent zu Menschen, die so schön sind, dass man jedes weitere Talent für unfair befindet. Egal wohin ich hier fahre, beim Ausstieg aus einem Auto oder Abstieg vom Sitz hab ich den Impuls zu rufen „Wirklich? Oh kommt schon! Das ist schon wieder der schönste Fleck!“ Die Innsbrucker tun so, als wäre das normal, ich mache es ihnen irgendwann nach.

Da ist er, der Berg. Wolken ziehen zu, pünktlich beim Verlassen des Parkplatzes. Wir laufen in Richtung dunkler Himmel und ziehen bereits jetzt die Ersatzpullover an.

thumb_img_1625_1024

Ich hab mit meinem Kreislauf zu kämpfen, Kardio ist nicht mein Ding. Murmele den letzten Satz als dysfunktionales Mantra vor mich hin, da der erste Abschnitt zugleich der härteste ist. Wir bewegen uns bei starker Steigung auf  aufgeweichtem Wiesenabhang in die Höhe. Überall steht das Wasser in kleinen Lachen, ich trage meine Barfuss-Fitnessschuhe, die ich sonst zum Langhantelheben anhabe. Grip? Nö. Sehe nach rechts und  auch Annas Freundin Jana hat mit so einem Hang nicht gerechnet.  Ich könnt jetzt meine schiefe Nasenscheidewand erwähnen oder das ich zuletzt mit 12 wandern war oder dass ich sonst nie irgendwo hochlaufe, weil ich eher schwere Dinge aufhebe und Adrenalinsport favorisiere, aber hilft ja nüscht. Jana und ich keuchen viel, reden wenig. Anna läuft voraus und braucht  keine Pausen, ich weiß nicht wie oder wann sie zwischen ihren Erzählungen atmet, aber ihr Kopf ist nicht rot. Wie abgesprochen halten Jana und ich abwechselnd an, um die Aussicht zu genießen oder etwas zu trinken oder Kleidung abzulegen… auch analoge Kameras sind hervorragender Vorwand um stehen zu bleiben und vermeintlich konzentriert zu knipsen, während man hinter dem erhobenen Arm versucht, Luft in das heiße Gesicht zu atmen.

thumb_img_1372_1024

Zierliche Frauen zu unterschätzen, zahlt sich nie aus. Die topfitte Anna und ja..ich.

Gelangen an der Alm an und essen wie sechs Handwerker: Gröstl mit Spiegelei. Und viel Limonade.

Weiter gehts Richtung Gipfelkreuz, aber vorher will ich zu den Pferden, die ich von der Almterasse aus sah.

Nennt es Sehnsucht, aber bitte, wie nur kann man an solchen Tieren vorbei, ohne die antatschen zu wollen?

thumb_img_1346_1024

Habe einen Apfel dabei, bin der Hit unter den dicken Ponys. Das Pferd hingegen ist bissig, ich weiche beim Bemerken nach hinten und fall beinahe in den Schlamm. Klar lachen die beiden anderen hämisch und bestehen darauf, genau das geahnt zu haben.

Weiter Richtung Gipfel, die Steigung ist jetzt wesentlich milder.

thumb_img_1362_1024

ParKUHr! (Keine Schonung für solche, die Kalauer nicht zu schätzen wissen.)

Endlich eine Kuh die so passioniert über mich ist, wie ich über sie. Ich lache viel, ich verschlucke mich beim Kichern, der schwere Klumpen, der mich all die Wochen einnahm scheint … weg zu sein. Berge und Mittelscheitelbabykühe können das, die Leichtigkeit zurückbringen, wenn man dachte, gerade stehen wird länger nicht mehr drin sein. Den Mädels geht es ähnlich. Serotonin fährt ein, der Berg macht Freunde aus uns.

Bin kurz davor hier ein Edelweiss-Haiku einzubringen, muss jetzt aber Auflauf kochen, mit geklauten Frühlingszwiebeln vom Feld auf dem Nachhauseweg und Rotwein vom Laden um die Ecke. Das Leben ist gut. Ist wieder gut geworden. Glück fühlt sich so an.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s