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Der verzögerte Start. / Logbuch Sommer 2016 / I

Im Folgenden meine einmonatige Flucht im Zickzack durch Deutschland und Österreich. Viel verlief ungeplant, der launische Sommer hat seinen Teil mehrfach dazu beigetragen und auch sonst lümmelte das Chaos gern nur eine Armlänge entfernt.

Wien / 9. August

Ein Check vor der längeren Fahrt ist notwendig. Fahre in der Werkstatt vor und frage wie aufgetragen nach Herrn Wurm, der wisse bescheid, Codewort „der Chef schickt mich“. Zwei Mechaniker fragen, was getan werden muss, während sie meinen gelben Heinz einkreisen, ihn nickend umzingeln. Sie bewegen die Köpfe viel und wohlwollend, es wird sanft die Sitzfläche berührt, ich hab das Gefühl die drei sehen sich nach Jahren wieder. Sie nicken auch mir zu, ich darf zum Club gehören. 

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Ich erkläre Überbelichtung bedingt durch Schrammelphone zum Stil der Stunde.

 

Sage meine Liste auf: Kette spannen, Ölen, durchchecken. Da stockt der Wurm. „Du bist die junge Frau mit dem Blog. Du schreibst die Artikel – wir haben die alle gelesen!“

Brauch ein paar Sekunden, bis ich begreife, dass da zwei echte Erwachsene mir sagen, sie lesen meine Sachen. Überlege kurz zu fragen, ob die Yamaha-Mitarbeiter dazu in ihren Mittagspausen gezwungen werden. Ein Gespräch über lange Haxen und niedrige Chopper folgt, ich erkläre, dass die XV leider nichts für mich war, für den Wurm schon, er fährt sie in Herbstgrün und lacht über meine Bezeichnung.

Verlasse den Hof und winke bis ich um die Ecke biege. Das Lächeln zum Abschied ist euch gedankt.

Mein neuer Seesack ist wasserfest, hat Befestigungsschlaufen, packt 65L  (verhältnismäßig wenig für Downhillgepäck, aber ich reise ja leicht), war nicht teuer und funktioniert tadellos – was ich vergessen hab zu bemessen, ist dass er nicht zwischen meine Achsstände auf dem Longboard passt, meine Packmethode auf Heinz‘ Rückbank jetzt also wackliger ist. Beschließe, eventuell auftretende Probleme Zukunfts-Glori zu überlassen und mache mich nach 1,5h des Schnürens auf den Weg. Vllt wäre Schnorcheln die einfachere Sportart, um es mit einem Motorrad zu kombinieren aber einfach ist wie gesagt nicht mein Steckenpferd. Um Gewicht zu minimieren hab ich für 4 Wochen nur drei Sätze Rollen mit, das ist wenig, zumal ein Worldcup-Rennen dabei sein wird, aber gewinnen ist für mich nicht mehr Priorität, meine Einstellung hat sich verändert seit einer Reihe Crashs, die buchstäblich auf meinem Rücken ausgetragen wurden. 

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Tetris next Level, der Endgegner heißt Fahrtwind und Fliegkraft bei 115km/h

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Fertig. Der zusätzliche Rucksack auf dem Rücken wird sich noch als ungut erweisen. Im Hintergrund die XV950 von Teamkollege Patrick.

Die Fahrt verläuft gut. Das erste Teil der Drittel der Reise findet auf der B1 statt, eine Route die ich schon kenne und der sich ohne Hilfsmittel folgen lässt. Rutsche in den Reisemodus hinein. Oft kommen beim Motorradfahren alte Songs in den Kopf, keine Ahnung woher, die ich dann mitsumme oder in den Kinnschutz meines Helmes brülle. Viele davon sind Rocksongs, obwohl das sonst nicht zu meinen üblichen Genres gehört, ist aber so ein Road-Trip-Ding, mein Gehirn generiert automatisch den Soundtrack zum eigenen Film. Bei langen Geraden löse ich meine linke Hand von der Kupplung/ vom linken Griff und stütze sie wie ein schiefer, vollgepackter Cowboy in die Hüfte, so wie ich es bei meinen Motorradkumpels beobachten konnte oder trommle sacht mit den Fingerspitzen auf dem Tank mit.

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Jap, mein Gepäck ist fast so hoch wie ich. Auch im Bild: Obligatorischer Käs-Leberkäs.

Obwohl ich mich in Radien der Hypersichtbarkeit bewege, bin ich doch gleichzeitig auf dem Motorrad allein auf der Straße. Vielleicht ist das der Hintergrund für den Motorrad-Gruß, das Handzeichen des Anerkennens, das sich Motorradfahrer gegenseitig signalisieren, ein herausstrecken der Hand aus der eigenen Blase für die, die um die Blase wissen. Oder ich romantisiere hier heftig einen Ritus, der aus einer Zeit kommt, in der man pro Tag nur einen Anderen von der eigenen Sorte gesehen hat. Ganze Essays könnt ich über diese Geste schreiben, aber vielleicht langweilt das auch Menschen die nicht so detailneurotisch sind (mögen sich meine viereinhalb Leser zu diesem Thema zurückmelden),  ich mag den Gruß. Leider bekomm ich ihn noch nicht lässig hin, ich freu mich zu sehr und winke lange mit hochgereckter Hand, erblicke ich einen Helm am Horizont, die Coolness ist weggeblasen, Männo, sage ich mir. Die wittern den Noob selbst im Gegenwind.

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Grün wird nicht langweilig. 1h vor Sonnenuntergang und der Hunger ist nicht mehr dezent.

Langsam zerrt die Zeit an mir. Ich bin seit 5h unterwegs und müsste rein theoretisch schon da sein. Ok, ich hab ein paar Pausen eingelegt, Landschaften aufgesogen und fotografiert, doch warum finde ich diese eine Abfahrt nicht? Der Nachteil an Google Maps mit Kopfhörer im Ohr ist, dass die App ohne Kommentar die neuen Routen generiert, man also gar nicht mitbekommt, dass man falsch gefahren ist, weil bereits die Alternativroute läuft, auf den Bildschirm kann man beim Motorradfahren nicht sehen. Fahre fast 3h in einem Dreieck, bis ich es geschissen kriege. Erreiche Salzburg hungrig, durstig und müde ohne Ende. Laufe mit 2% Akku in die Straße von meinem Kumpel Max ein, der mir hier ein Zuhause gibt und oft für quer durch Österreich reisende Freunde die Anlaufstation Nummer 1 ist. Jetzt chillen auf der Couch und schön wegnuffeln, damit ich morgen nach Innsbruck weiterdüsen kann.

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Auf Hochtouren, erstmalig.

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Norman, ich. Selfie 4 lyfe.

Zum einen sind Fahrlehrer eine ulkige Gruppe Mensch, bestückt mit einem Typus Mann, mit dem ich sonst wohl nie so viel Zeit verbringen würde. Männer, denen ich wohl irgendwie ans Herz gewachsen bin, anders kann ich mir nicht erklären, dass Norman mich am Wochenenden ab 9 Uhr Morgens auf einen Motorradausflug mit zwei Freunden mitnimmt. Damit ich, Zitat: „Endlich lerne Motorrad zu fahren. Unter jeder Bedingung.“ Sicher, ich bin nicht die einfachste Schülerin, weil bereits 27 und schon lange raus aus Systemen, in denen ich brav und folgsam sein muss. Mach ja nicht aus Zufall Kunst und seltsame Sportarten, mich ziehts stark hin zu einer vermeintlichen (!) Regellosigkeit. Dazu dann noch Perfektionismus und die Vorliebe zu Fahrtwind und du hast eine schwierige Schülerin, sorry, ey. Kann aber trotzdem ganz netter Umgang sein, schwör.

Tour.

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Drei Yamahas, eine Kawasaki. Viel Brummen, viel.

Rückblickend hätte ich das Wetter genauer ansehen sollen, auch Wind und Temperatur im Schatten bedenken sollen, aber vielleicht lernt man das auch nur auf die harte Tour. Woher genau soll man wissen, wie viele Kleidungsschichten erforderlich sind, um bei Windstärke 7 (ich scherze nicht) und 110 km Fahrgeschwindigkeit nicht komplett durchzufrieren. Eine heiße Entdeckung konnte ich machen: Komplett perforierte Sommerlederhandschuhe sind auf jeden Fall nicht die Antwort.

So war die Aufregung um meinen ersten richtigen Trip getrübt durch acht Stunden permanentes Frieren. Ja, acht. Vllt hätte ich auch was frühstücken sollen, hatte aber nichts mehr im Kühlschrank. Wer in Wien wohnt und Sonntags Hunger hat, wird die Intensität dieses Problems kennen.

Schön wars dennoch.

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In dem Eierhof war ich pinkeln. Das ist jetzt eine Info im Internet.

 

„Ich hab dich beobachtet, was genau machst du mit den Armen? Warum winkelst du die an, sobald du schneller wirst und lehnst dich nach vorn?“

„Ich, äh, mach mich windschnittig“, sage ich. „Du brauchst gerade Arme und lenkst die Maschine von den Schultern her aus!“ Norman ist nicht zufrieden mit mir. Sein Bruder Willi wird unrund, er ist hier der gute Cop. „Norman! du kannst ihr trotzdem auch sagen, dass sie die beste Anfängerin ist, die du je mitgenommen hast! So einen Kurvenstil haben manche nicht nach 10 Jahren!“ Danke Willi, sage ich. Vielleicht doch nicht komplett alles falsch gemacht. Ich lächle matt.

Wir halten vor einem Restaurant. Es wird hin und her diskutiert, dann winkt Norman und deutet mir an, die Maschine vor dem Randstein links abzustellen. Gleichzeitig kommt von hinten ein Auto, ich werde unruhig. Das Rangieren mit der MT07 ist mir immer noch fremd, ich komm mir dabei dämlich vor, das Ding ist so schwer. Will leicht Gas geben um in Schrittgeschwindigkeit anzurollen, gebe zu viel Gas, lass die Kupplung los, ein Anfängerfehler, den ich bisher in keiner der Stunden fertig gebracht habe, das Motorrad stirbt ab und neigt sich. Da ich sitze und meine Beine gerade nicht weit geankert am Boden hab, kippt die Maschine schnell nach links. Mein Instinkt sie festzuhalten, verpufft ungläubig und schon fallen Motorrad und ich auf den Boden. Es ist still. Mein Knie schmerzt. Die Männer heben die Maschine auf und mich hoch. Norman: „Was machst du? Du kannst nicht angasen und die Kupplung schnell auslassen, das weißt du!“

Er haut mir spielerisch auf den Helm, dann sieht er den Schreck, der noch auf meiner Mimik hockt.

„Bist du ok? Hast du dir weh getan?“ Ich nicke und schüttle den Kopf. Bin ok, murmele ich. Kenn jawohl Stürze, kenn das alles, bin tough, macht schon nichts. Mein Mund labert ohne das mein Hirn zuhört, der Schreck krallt sich fest. Geh ein paar Schritte und merke, dass es ordentlich zeckt. „Warum konnt ich die nicht festhalten?“ sage ich. Ich bin stark. Raff das grad nicht, dass ich die nicht festhalten konnte.“ Bin sauer auf mich selbst, das verdaut sich schlecht.

Willi sagt sehr vorsichtig: „Die MT wiegt 200 Kilo. Die kannste unvorbereitet nicht einfach so festhalten. Die lässte dann beim nächsten Mal besser los, damit du nicht drunter liegst.“

Die Rückfahrt war ruhig. Ich bin wieder schnell gefahren und habe wieder über das zitternde Bild in den Spiegeln gestaunt. Ein Kumpel verriet mir später den Trick, bei schnellen Geschwindigkeiten die Kupplung zu ziehen, damit man was erkennen kann. So viele Tricks, so viel zu lernen. IMG_9732

Da ich ohne Norman und die gelben Fahrschultrikots nicht allein nach Hause fahren darf, fahren mich Kai und Willi nach Haus, ich hinten drauf bei Willi. Auf meinen Vorschlag, ich könne auch die Bahn nehmen, um keine Umstände zu machen, erwidert er:„Wir kommen zusammen, wir gehen zusammen“ – ein schönes Credo.

PS: Die Prüfung am letzten Dienstag hab ich bestanden. Freude ist kein Ausdruck, keiner. Mein Grinsen: kilometerweit.